Elfleins kulinarische Bemerkungen
Elfleins kulinarische Bemerkungen

Vorweihnachtsabend

Wage es nicht noch einmal, mir zu Foie Gras etwas anderes als Haut Sauternes vor die Nase zu stellen“ sprach Marianne und zog mir den spinnwebenbewehrten Mob quer über das Gesicht.

 

Das hat sie noch nie getan. Und schon setzte mein Schuldbewusstsein ein. Weil ich den Mosel „Ürziger in der Kranklei, Riesling Auslese“, von Karl Erbes gewählt hatte. Und überhaupt hatte ich mich bei Gänseleberpastete schon öfter bei der Weinwahl fürchterlich blamiert. Zuletzt in der Wachau, in dem nichtssagenden Ort Mautern, der freilich mindestens zwei kulinarisch herausragende Betriebe beherbergt. Der, an den ich jetzt dachte, heißt Nikolaihof und ist ein Demeter-Betrieb, wo man natürlich keine gequälten und vollgestopften Gänse hat. Wo ich mich mokiert hatte, dass es zur Gänseleberpastete keinen Süßwein gab, ohne zu bemerken, dass die Pastete eher streng schmeckte und dazu eher ein herber Wein passte. Frau Saahs, die Chefin des Nikolaihofes, hat sich nix anmerken lassen, aber ich war mir sicher, nun meinen guten Ruf als Superkritiker unter den Gourmets verloren zu haben. Nun war es aus damit, vor unserer Freundin Rita aus Wien zu protzen, dass ich die Kulinarik in Österreich und besonders in der Wachau aus dem Effeff kenne. Das treibt mich noch in meinen schlimmsten Träumen um, dann drehe ich mich dreimal im Bett herum, stöhne, wische mir den Schweiß von der Stirne und gehe anschließend ohne Licht auf die Toilette.

 

Ein klein bisschen regt sich aber mein interner, motziger Widerstand, ohne ihn vorsichtshalber direkt zu artikulieren. Warum sollte ich etwas akzeptieren, das mich schon im Namen auffordert, die Sau zu verhauen. So was missbillige ich. Eigentlich. Aber Wein vom kranken Felsen, wo vermutlich Leute auf demselben herumliegen und göbeln, weil sie zu viel Wein für 1,99€ getrunken haben, geht auch nicht. Und schon kriege ich den Mob zum zweiten Mal um die Ohren.

 

Renate sitzt mir gegenüber, trinkt Rose mit dem Strohhalm und versteht überhaupt nicht, worum es geht. Werner sitzt daneben und grinst. Er hat mir den Moselwein angeschleppt. Weil er überhaupt der größte Mosel-Lobbyist ist, den es gibt, ohne dass er versteht, damit Geld zu machen.

 

Ich bin am Ende meiner Kraft. Erhebe mich aus dem Bett, wische mir den Schweiß von der Stirn, gehe zur Toilette und auf die Waage. Es ist 5:30 Uhr. Samstag, der 23.12.

 

Um 16:00 Uhr sitze ich mit Marianne alleine am Tisch. Renate und Werner kommen erst Weihnachten. Der Riesling Auslese von Erbes schmeckt Marianne ausgezeichnet zu Foie Gras. Sie ist eine gute Frau. Hat noch nie über den Wein geschimpft, den ich ihr am Vorweihnachtsabend eingeschenkt habe.

 

Heinz Elflein

23.12.2017, 19:40 Uhr

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